Vor einiger Zeit wurde ich auf dem Podium gefragt was die großen Herausforderungen des Web 2.0 in Gesellschaft und Kirche sind. Ich möchte euch kurz meine Punkte in vorstellen, doch möchte ich eines noch einmal vorweg stellen: Web 2.0 muss man leben, denn wer es nicht lebt, der versteht es auch nicht. Er versteht die Herausforderungen nicht, denen wir uns stellen müssen, egal ob gesellschaftlich oder aus einer kirchlichen Perspektive.

Derjenige der sich dieser neuen/anderen Art der Kommunikation verschließt trägt dabei zu einem Kulturkampf bei; aber auch derjenige der das Web 2.0 lebt muss darauf aufpassen wie er es nutzt und er muss ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass er die Macht einer jeden Aussage richtig einschätzt.

Herausforderungen des Web 2.0 in der Gesellschaft

Digital Gap

Die Kluft zwischen Personen die „online“ Leben beziehungsweise das Internet stark nutzen und den Internet Verweigerern wird immer größer. Dies wird dazu führen, dass ein Kulturkampf über die Hoheit der Information entsteht.  Tageszeitungen verlieren im gesamtgesellschaftlichen Kontext an Wert, dafür gewinnen die Wochenzeitungen.

Das Problem ist klar, Personen die sich vornehmlich über die Tageszeitungen informiert haben müssen ihr Verhalten umstellen. Gerade älteren Personen fällt die Umstellung dabei schwer und aus diesem Grund versuchen sie sich dagegen zu wehren. Ein Kulturkampf?!

Ein nettes Beispiel, dass hier angeführt werden kann ist die Aufruhr von Journalisten und Nachrichtendiensten, die sich bei einer Bundespressekonferenz darüber beschwert haben, dass Regierungssprecher Steffen Seibert nun den Nachrichtendienst Twitter nutzt. Sehr lesenswert dazu ist der Blogeintrag „Wenn der Regierungssprecher twittert…“.

 

Croud Sourcing

Ein neues Phänomen im Internet ist, dass große Menschenmassen gemeinsam etwas bewegen. Hier kann der Fall zu Guttenberg als Beispiel angeführt werden oder aber VroniPlug. Eine große Anzahl von Internetusern widmet sich einem Thema und führt gemeinschaftlich ein Ergebnis herbei. Positivere Beispiele sind dabei wohl das Suchen nach vermissten Personen über die Sozialen Netzwerke.

 

Spielewelten

Kennen Sie noch die Zeit in der Atari und Nintendo super in waren? Ok, wenn nicht sei kurz erwähnt, dass dies Spielkonsolen waren die heute in ihrer Urversion woh nur noch unter dem Retro-Aspekt interessant sind. Doch was viel spannender ist, dass die Generation, die mit diesen Geräten aufgewachsen ist nun langsam in das Alter kommt, wo die Familie gegründet ist und man sich auch wieder selber mehr Freizeit gönnen kann. Und was liegt da näher als wieder dem Hobby seiner Jugendzeit nachzugehen: dem Daddeln. Es spricht vieles dafür und deswegen werden virtuelle Spielewelten auch für ältere Generationen auf ganz natürliche Weise zum festen Bestandteil des Lebens. Unterstützend kommt hier hinzu, dass es für viele Spiele auch mobile Versionen gibt, so dass die freie Zeit in Bus und Bahn, in der Mittagspause oder auch in jeder anderen freien Minute rein technisch gesehen fürs spielen genutzt werden kann.

Privatsphäre

Google und Facebook sind die bekanntesten Datenkraken der Welt, aber seien sie sich sicher es gibt noch mehr. Die Frage die uns beschäftigt ist somit eigentlich nicht wie können wir die Datenkraken einschränken, sondern wie gehen wir selber mit unserer Privatsphäre um. Unterscheiden wir noch zwischen beruflichem und privatem Leben oder schaffen wir es umzudenken und unser Leben in ein öffentliches- und nicht-öffentliches Leben zu unterteilen.

 

Herausforderungen des Web 2.0 in der Kirche

Struktur der Kirche

Das Internet bietet vielerorts die Möglichkeit der Partizipation und Initiativen entstehen mit einem Mausklick auf Grund von einer gemeinsamen Interessenslage und aus der Situation heraus. Die Kirche dahingegen hat eine lange Tradition, so wie eine daraus entstandene Struktur. Gerade im Bereich Wissensweitergabe entstehen ganz neue Möglichkeiten, aber auch die entsprechenden Herausforderungen, denen die Institution Kirche begegnet.

 

Dezentralisierung

Kirche ist vor Ort Zuhause, doch sichtbar ist oftmals nur das zentrale Auftreten. Gerade im deutschsprachigem Raum gibt es ein Priester-zentriertes-Weltbild, dass die Möglichkeit von Kirche generell nimmt, aber auch nicht dem Internet entspricht. Natürlich gibt es im Internet große Plattformen auf denen viele Menschen zusammenkommen, doch trotz großer Übereinstimmungen im Surfverhalten hat jeder User seine eigenen Präferenzen beim Surfen.

 

Lebensfragen

In einer Zeit, wo jeder Ort virtuell mit einem Mausklick erreichbar ist sehnen sich die Menschen nach einiger Zeit der vollständigen Ausschöpfung der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten nach Orten an denen sie Beheimatung finden. Diese Orte sind wichtig zur Klärung von Lebensfragen, die ein YouTube-Video, ein schön geschriebener Blog-Artikel oder eine Twitter-Nachricht nicht beantworten kann. Die Frage die sich hier stellt ist das gesunde Verhältnis von realer und virtueller Begegnung.

 

Kultur der Vergebung und Verzeihung

Im Internet hinterlässt der User viele Spuren. Beleidigungen und Lügen gehen schnell von den Lippen oder besser gesagt sind schnell geschrieben, weiterverbreitet und für immer festgehalten. In der Kirche gibt es zwar die Möglichkeit sich von seinen „Sünden“ in der Beichte zu befreien, doch faktisch wird dieses Angebot nur von sehr wenigen Menschen angenommen. Doch bei der Masse der öffentlichen Kommunikation braucht es ein größeres Verständnis für diese neue Art der transparenten Kommunikation und es braucht Punkte in denen der Mensch eine Situation, eine Aussage in Frieden abschließt. In anderen Worten braucht es eine Kultur der Vergebung und Verzeihung die möglichst gesamtgesellschaftlich akzeptiert wird.

Über den Author

Stefan Lesting

Stefan Lesting ist Geschäftsführer der Lesting Media & Consulting. Zusammen mit seinem Team berät er Unternehmen und Organisationen zu den Themen Reichweitensteigerung, Social Media und Digitale Transformation. Lesting hält in diesen Bereichen regelmäßig Vorträge und leitet Workshops.

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