Zwischen Selbstüberwindung, Pflicht und Überzeugung 0
Es war etwa 14:15 Uhr als ich sehe, dass ich im Facebook-Chat eine Nachricht habe. Neugierig hole ich das Fenster in den Vordergrund, doch lasse ich mich noch kurz von einer gerade ins Postfach einfliegenden Email ablenken.
Zurück in Facebook lese ich im Chatfenster soetwas wie “Hast du gesehen, was Bruder Paulus gerade auf Twitter alles schreibt!”. Ähm, nein hab ich nicht, aber ich habe die Twitterseite in einem anderen Fenster offen. Ich schaue nach, scrolle in der Zeitleiste zurück und finde einen Hinweis auf die DOK Media, die neue Medienfirma der Orden. Darüber irgendwas mit dem Zölibat..alles von Bruder Paulus, dem Kapuziner Mönch, der aus der Bild Zeitung und verschiedenen Fernseh-Talk-Shows für viele Personen bekannt ist.
Hmm beides Themen, wozu ich schon andere Artikel von Bruder Paulus gelesen habe. Das kann es nicht sein.. Ich scrolle weiter nach oben, wo die neueren Beiträge stehen.
STOP – 14:01 Uhr: “O Schreck. Das war also das Geräusch unter meinem Sitz. “Personenunfall” ICE 785, 15 km hinter Ingolstadt Richtung München.”
STOP – 14:03 Uhr: “Ich zittere. Mein Herz versucht zu beten. Tränen. So nah. Der Tod. Darf ich jetzt twittern? Ja – soziale Netzwerke? Haltet mich …”
omg – Oh mein Gott – ja das denke ich in dieser Schrecksekunde. Die Frage, ob Bruder Paulus nun über das Ereignis twittern soll ist schon eigentlich irrelevant, denn er tut es schon längst und er beantwortet seine Frage selbst. “Ja”.. Es kommen Zweifel auf, ob ich auf die Frage die gleiche Antwort geben kann..
Schnell lese ich weiter, Bruder Paulus hat noch mehr geschrieben in den letzten 15 Minuten. Ich bleibe bei dem Post von 14:10 Uhr hängen. Die Frage ob so ein tragische Situation ins Web 2.0 gehört beantworte ich mittlerweile mit einem beständigen “JA!” für mich selbst. Denn wenn täglich Posts durch Twitter laufen, in denen Personen sich über die Bahn beschweren mit den Tags #bahn #fail, so gehört auch dieses Bahnereignis auf Twitter und in die anderen Netzwerke.
Die Zeit rennt innerlich und das Herz klopft bei der Frage “Ist Social Media Social, wenn das sozialste nicht möglich ist. Unverstehbares Entsetzen wenigens hier zu teilen?”
Theorie – Praxis – Selbstüberwindung – Zuversicht – JA! – Nein – Vielleicht – Pflicht – ignorieren – verstecken – Hilfe?! – Überzeugung
Viele Gedanken rennen durch meinen Kopf, doch was jetzt zählt sind Handlungen, oder?
Es sind zwar nur 80 Zeichen verbunden mit der Hoffnung, dass sie so einfach gewählt sind, dass sie in dieser Situation verstanden werden “@BruderPaulus Dir und den anderen Mitfahrern Stärke & Kraft in dieser Situation!”
Es ist 14:22 Uhr, es sind rund sieben Minuten vergangen, seitdem ich auf die Posts aufmerksam gemacht wurde, es waren sieben bewegende Minuten in denen viel deutlich wurde, was eigentlich schon bekannt ist: Soziale Netzwerke sind dafür da (Inhalte) zu teilen – auch persönliche!
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