Rationalitäts-Emotionen Paradox 5
Vor einigen Tagen bin ich auf eine sehr abstruse, aber auch herausfordernde philosophische Fragestellung gestoßen. Mittlerweile haben Bernhard und ich auch die Erkenntnis, dass hier ein Paradox in der Antwort vorliegt, von welchem ich nun genauer berichten werde.
Die Ausgangsfrage war die folgende:
Kann ein rational denkender Mensch durch sein rationales Handeln seinen Emotionen einen Freiraum geben?
Die Grundannahme ist die folgende. Wir haben einen Menschen, der komplett rational denkt und auch danach handelt. Somit ist alles in diesem Menschen auf einer Grundrationalität basierend und demnach nicht auf Emotionen, da Emotion als Gegenstück zur Rationalität hier gesehen wird.
Der Fragestellung muss von zwei Seiten beantwortet werden. Zum einen gibt es einen Lösungsansatz für die Theorie und auf der anderen Seite einen Ansatz für die Praxis.
Theoretischer Lösungsversuch:
Die Antwort muss in diesem Fall „JA“ heißen. Somit kann ein rational denkender Mensch durch sein rationales Handeln seinen Emotionen einen Freiraum geben. Dies findet darin seine Begründung, dass der Mensch alles rational in einer rationalen Welt begründen kann. Da alles Begründbare auch steuerbar ist, steht dabei schlussendlich die Antwort „JA“.
Praktischer Lösungsversuch:
Hier muss es im Gegensatz zum theoretischen Lösungsansatz „NEIN“ heißen, so dass ein rational denkender Mensch seinen Emotionen keinen Freiraum geben kann. Dabei ist ausschlaggebend für einen rational denkenden Menschen, dass dieser in seiner Grundannahme der totalen Rationalität einen Abstrich machen muss, falls er seinen Emotionen einen Freiraum geben kann. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass die Rationalität Einfluss verliert und nicht mehr das „einzig Wahre“ darstellt. Somit müsste er akzeptieren, dass sein Leben nicht mehr vollständig steuerbar ist. Am Ende steht der rational denkende Mensch sich selber im Wege, wenn es um das Thema Emotionen geht.
Endfeststellung
Da theoretischer und praktischer Lösungsversuch zu unterschiedlichen Antworten führen, gibt es hier ein Rationalitäts-Emotionen Paradox. Auf Grund dessen, dass das Leben eines Menschen nie 100% rein rational oder emotional ist, haben die Lösungsansätze keinen absoluten Wert im realen Leben, sondern können lediglich einen Ansatzpunkt bieten.
Datei (pdf): Rationalitäts-Emotionen Paradox
Interessanter Artikel.
Aber ich verstehe die Frage nicht ganz. Was meinst du mit “seinen Emotionen einen Freiraum geben”? Meinst du damit, ob dieser rational denkende und handelnde Mensch Emotionen haben darf (z. B. Wut in einer bestimmten Situation)?
Wenn ja, dann würde ich sagen, dass der Mensch seinen Emotionen einen Freiraum geben kann, solange er trotzdem rational handelt. Beispiel: Der rationale Mensch wird in einem Geschäft unfreundlich behandelt. Darüber regt er sich innerlich auf (Emotion). Nach einiger Zeit beruhigt er sich wieder und entscheidet rational über seine nächste Handlung (z. B. ganz normal das Produkt zu kaufen, wie er es vorhatte).
Oder habe ich dich falsch verstanden?
Bei der Frage geht es nicht ums dürfen, sondern ums können! Also ist der rationale Mensch in der Lage dazu seinen Emotionen einen Freiraum zu geben. Mit “seinen Emotionen einen Freiraum geben” ist im Übrigen gemeint, ob dieser rationale Mensch es zulassen kann sich von seinen Emotionen “steuern” zu lassen. Wichtig hierbei ist, dass es auf einer abstrakten Ebene gesehen wird, wo alles auf Rationalität aufgebaut ist.
Um das Beispiel Wut aufzugreifen sei hier gesagt, dass der rationale Mensch der Wut theoretisch einen Freiraum geben kann auf Grund dessen, dass die Wut/der Zustand rational erklärt werden kann. In dieser theoretischen Annahme folgt daraus jene Tatsache der kompletten Steuerung. Dies geht in die Richtung deines Beispiels.
Praktisch sieht die Antwort für den Menschen dann aber wieder komplett anders aus – natürlich immer in der Grundannahme, dass wir uns einer abstrakten komplett rationalen Welt befinden. Somit kommt es in der Situation, wo der Mensch Wut empfindet zur folgenden Problematik: Akzeptiert er seine Wut und lässt er sich von ihr steuern, dann ist sein Handeln ab dem Moment nicht mehr auf Rationalität aufgebaut, sondern auf Emotionen. Dies ist aber praktisch nicht möglich in einer rein rationalen Welt, da nur rationale Faktoren steuern können.
Für dein Beispiel würde in etwa gelten, dass jene Person Wut hat, aber nicht wütend ist, somit keine Steuerung durch einen emotionalen Faktor – die Wut – stattfinden kann.
Ich sehe nicht den Unterschied zwischen der Theorie und der Praxis.
Du schreibst, dass in der Theorie “die Wut/der Zustand rational erklärt werden kann” und dass daraus folge, dass der Emotion ein Freiraum gegeben werden kann. Wieso ist das in der Praxis nicht möglich?
Folgendes ist denkbar: Unser rationaler Kunde denkt sich: “Ich bin gerade wütend. Warum ist das so? Mal überlegen: Die Verkäuferin hat mich beleidigt und meine Würde angegriffen. Da dulde ich nicht [natürlich kann man das jetzt noch weiter begründen]. Daher gehe ich hier nie wieder einkaufen.”
Von außen betrachtet hat der Mensch im Affekt rein emotional gehandelt. Dies lässt die Definition nicht zu. Aber: er hat zwar aus Wut den Laden verlassen, jedoch nur, weil er diese Emotion rational erklärt hat. Also ist sein Handeln insgesamt doch auf Rationalität gebaut. Dennoch steuert die Emotion, denn wäre er gar nicht erst wütend geworden, hätte er nie den Laden ohne Ware verlassen. Ergibt das einen Sinn?
Der Punkt in dem sich Theorie und Praxis unterscheiden liegt darin, dass in der Praxis ein Handeln/eine Umsetzung erforderlich ist. Im theoretischen ist dieses nicht der Fall, da Theorie nur eine Vorstellung von etwas ist, was nicht ein- bzw. zutreffen muss.
Übertragen auf das Rationalitäts-Emotionen Paradox heißt dies, dass so lange der rational denkende Mensch nur (theoretisch) darüber nachdenkt seinen Emotionen freien Lauf zu lassen ist dies kein Problem. Er muss nicht handeln und somit verletzt er auch nicht seine Grundannahme. Praktisch würde er das dann aber tun.
Ich möchte dein Beispiel mit dem Kunden einmal aufgreifen. Ein Kunde kommt in einen Laden und wird beleidigt. Der Kunde hat den “Zustand” >Wut< (wie das zu Stande kommt soll egal sein). Wichtig ist nun aber, dass er theoretisch – nur durch darüber nachdenken – seiner Wut freien Lauf lassen könnte, da er damit nicht seine Grundannahme verletzt. Praktisch würde er aber seien Grundprinzipien verletzten, da er sich von Emotionen steuern lassen würde.
Einen Schritt weiter gehend bedeutet dies nun, dass der Kunde mit dem “Wut” Zustand theoretisch sich von Emotionen leiten lassen könnte. Also zum Beispiel einen Wutanfall bekommen, aber genau so möglich wäre, dass er das Geschäft verlässt. Wichtig dabei ist halt, dass seine Entscheidung durch die Emotionen gesteuert wird und diese somit einen Freiraum bekommen.
Praktisch wiederum würde die Situation vielleicht eher so ablaufen, dass der Kunde sein Ziel (z.B. Einkauf tätigen) zu Ende führt und den Verkäufer ignoriert. Aber auch andere Entscheidungen scheinen möglich in dieser Situation. Die Herausforderung ist an dieser Stelle, dass der Kunde seine Emotionen ignorieren muss, damit sie ihn nicht steuern, da er sonst die Grundannahme verletzt.
Kann Ihre Argumentation nicht nachvollziehen. 1. würde ich Kay zustimmen, dass “zulassen” bedeutet, sich für etwas zu entscheiden, und damit: es zu steuern. 2. sehe ich keine Begründung für Ihre Prämisse, dass ein rationaler Mensch “alles rational in einer rationalen Welt begründen” kann. Reden Sie von Handlungen, die zu begründen sind? Oder von “allem”? Und ich verstehe auch nicht die andere Prämisse, dass alles Begründbare auch steuerbar sei. Wie ist das gemeint? Jede Handlung, die ich begründen kann, über die habe ich auch die Kontrolle?